Das sind wir

Das ist kein Wunder, das sind wir

DAS IST KEIN WUNDER, DAS SIND WIR

Wenn man – wie ich – normalerweise um kurz vor neun Uhr ins Büro schneit, erscheint einem das Gewusel, das um 5.15 Uhr auf dem Betriebshof herrscht, wie eine Parallelwelt. Busse und Straßenbahnen rollen in kurzen Abständen von dort aus in die noch dunkle Stadt. Manfred Arnkens rollt ihnen mit seinem Fahrrad gerade entgegen. Er ist 54 Jahre alt, fährt seit 29 Jahren für die BSAG Bus und seit 18 Jahren außerdem Straßenbahn. Heute geht es für ihn auf die Linien 4 und 6 – unter erschwerten Bedingungen. Ich will nämlich mitfahren und wissen, wie so ein Fahrdienst abläuft. Den Kurszettel ausdrucken, zwei Brötchen aus dem Automaten ziehen – wenn Mannis Handgriffe beim Straßenbahnfahren genauso routiniert sind, mache ich mir keine Sorgen. Unsere Bahn steht vorgeheizt auf Gleis 12.

Manni prüft die Bahn auf Schäden, die Ticketentwerter und Türen auf Funktionalität und füllt die Wagenlaufkarte aus – und schon rollen wir in Richtung Flughafen. Ich quetsche mich zu Manni in die Fahrerkabine der GT8N. Um 5.48 Uhr steigt unser erster Fahrgast ein. Er ist offensichtlich genauso müde wie ich und vergisst, am Flughafen zu klingeln. Manfred sieht seine panische Reaktion im Rückspiegel und lässt ihn auch ohne Klingeln aussteigen. Wäre ich die Straßenbahn gefahren, hätte der Reisende wahrscheinlich seinen Flug verpasst. Obwohl er bisher der einzige Fahrgast ist, hatte ich ihn schon wieder vergessen.

Nach kurzem Aufenthalt an der Wendeschleife geht es direkt weiter. »Hier muss man höllisch aufpassen«, sagt Manfred, als wir zwischen Terminals und Parkhaus hindurchfahren. An einer Stelle flitzen häufiger mal unvermittelt Fahrräder heraus – direkt vor die Straßenbahn. Kurz dahinter kreuzt die Bahn den Autoverkehr. »Viele Autofahrer sind gedanklich schon in der Luft und manche übersehen da auch schon mal die Ampel.« Die Fahrt zur Uni verläuft aber ruhig. Auch am Stern ist noch nicht viel los. Trotzdem müsse man als Straßenbahnfahrer gerade dort vorsichtig sein, erzählt mir Manni. »Die Autofahrer freuen sich, wenn sie nach langem Warten endlich in den Kreisverkehr fahren können und vergessen alles andere.« Als wir das nächste Mal dort vorbeikommen, kann ich es selbst sehen. Obwohl wir ein Freisignal haben, rauscht ein schwarzer PKW von rechts nach links an uns vorbei. Er ist aber zu weit weg, als dass es gefährlich werden könnte. »Wenn man lang genug im Fahrdienst ist, hat man irgendwann das dritte Auge«, sagt Manfred. Viele gefährliche Situationen erahne man schon, bevor sie sich überhaupt ereignen.

Langsam wird es immer voller in den Bahnen. Die ersten Studenten wollen die 8-Uhr-Vorlesung erreichen und in der Gegenrichtung ist die Airport-Stadt gefragtes Ziel für die Menschen, die dort arbeiten. Die vielen Leute, die jetzt rund um den Hauptbahnhof von A nach B hetzen, sehen von weitem aus wie Schneegestöber. Viele scheinen die Straßenbahnen gar nicht wahrzunehmen. »Ein Wunder, dass es hier nicht ständig zu schweren Unfällen kommt«, sage ich. »Das ist kein Wunder«, sagt Manfred und klingelt schon wieder. »Das sind wir.« Nach gut drei Stunden auf der Linie 6, werden wir an der Domsheide abgelöst. Manni stellt mich den Kollegen im Pausenraum lachend als »Fundsache« vor.

Wer fast 30 Jahre im Fahrdienst arbeitet, findet im Pausenraum wahrscheinlich immer einen Kollegen oder eine Kollegin, die er kennt. Ich hingegen kenne nur zwei Kollegen vom Sehen. Manni hat Geschichten zu jeder Straßenecke auf Lager Nach einer Stunde geht es für uns auf die Linie 4 – wieder mit einer GT8N. Manfred fährt lieber mit der GT8N-1. »Ich freu mich schon tierisch auf die ganz neuen Straßenbahnen. Ich mag es modern«, erzählt er mir. Busfahren hingegen ist inzwischen für ihn eher die zweite Wahl. »Ich mag das Gekurbel und Gehüpfe nicht«, sagt er. Dem Straßenbahnfahren kann er sogar eine gewisse Romantik abgewinnen. »Wenn es im Winter geschneit hat und man mit der Linie 4 raus nach Lilienthal fährt – das sieht schon toll aus.« Es gibt kaum eine Stelle im Liniennetz, zu der Manni keine Geschichte erzählen kann. Zwischen Twiedelftsweg und Heukämpendamm hatte er mal frühmorgens ein Fahrrad im Gleis. Zum Glück hat er das Hindernis rechtzeitig gesehen. Lange konnte es dort noch nicht gelegen haben, schließlich war dort gerade erst die letzte Nachtlinie unterwegs gewesen. »Ich hab dann draußen laut ,Das hat nicht geklappt, du Idiot‘ gerufen – und tatsächlich Gelächter aus dem Gebüsch gehört«, erinnert sich der 54-Jährige kopfschüttelnd. Das Fahrrad nahm er nach Rücksprache mit der Leitstelle kurzerhand mit.

Auch nach fast 30 Jahren macht Manfred das Fahren immer noch Spaß. »Ich bin den ganzen Tag unterwegs und dabei nicht mal der Witterung ausgesetzt«, sagt er. »Den ganzen Tag im Büro sitzen, das wäre nichts für mich.« Immer wieder eine andere Linie – das halte schließlich auch den Kopf fit. Der Kombi-Fahrer ist aber froh, dass er nicht mehr zwischen Früh- und Spätdiensten wechseln muss, sondern ausschließlich Früh- und Tagdienste fährt.

Wir haben inzwischen die Endhaltestelle in Lilienthal erreicht. Ein paar Minuten Zeit haben wir nun, aber schon bald quäkt das Hupsignal – das Zeichen dafür, dass wir jetzt wieder in Richtung Arsten fahren müssen. Ich setze mich jetzt in den Fahrgastraum und immer wieder fallen mir die Augen zu. 5.15 Uhr Dienstbeginn ist einfach nicht meine Zeit. Ich bewundere die Kolleginnen und Kollegen, die morgens sogar noch deutlich früher ausrücken. Das Fenster weit aufmachen helfe, sagt Manni, wenn man beim Fahren müde werde. Das ist im Fahrgastraum schwierig. Also ruhe ich ganz kurz die Augen aus – dass Manni mich sicher zurück nach Bremen bringt, steht für mich nach den vergangenen Stunden schließlich außer Frage.

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